„Die Werkstatt des Dichters“ Imaginationsräume literarischer Produktion. Klaus Kastberger, Stefan Maurer (Hrsg.). Neuerscheinung De Gruyter Verlag

Besprechung – siehe bitte unter Rezensionen – oben klicken.

Fotos: De Gruyter Verlag; Bachmannpreis_Walter Pobaschnig.

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„Die Rhythmik des Dazwischen“ – Interview Verena Dürr _ Autorin, Musikerin, Performancekünstlerin _ Teilnehmerin Bachmannpreis 2017

 

Bachmannpreis 2017 Interview Verena Dürr _ Text „Memorabilia“ (Die Klaviere aus Casablanca)

Wien, Radio Cafe/19.7.17  (Im Hintergrund Barmusik)

 

„Die Rhythmik des Dazwischen“

 

Walter Pobaschnig (WP): Bachmannpreis 2017. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?

 

Verena Dürr (VD): Viele Gespräche, viele Begegnungen, Interviews und auch viel Blitzlicht. Insgesamt, ich war das erste Mal beim Bachmannpreis, war es ein außergewöhnliches Erlebnis.

 

WP: Wie haben Sie sich auf Ihre Lesung vorbereitet und wie war der Ablauf Ihres Lesungstages?

 

VD: Eine Lesung ist für mich ein Auftritt, wie auch bei einem Konzert. Dementsprechend wärme ich mich mit Stimmübungen und Bewegung auf.

Auf der Wiese vor dem ORF trank ich noch Kaffee und hörte Ferdinand Schmalz und dann ging es schon in die Maske. Direkt nach der Lesung gab ich Interviews – ein hektischer Tag.

 

WP: Was nehmen Sie als Autorin von der Erfahrung Bachmannpreis mit?

 

VD: Ich denke, dies wird sich dann im weiteren Schreibprozess zeigen. Schreiben hat für mich in jedem Fall viel mit Rhythmus zu tun und mit Poesie. Dies erfordert wohl auch von Leserin und Leser Zeit, um den Text, die Sprache wirken zu lassen. Das Buch, der Roman, an dem ich schreibe, wird meinen Stil wohl noch sichtbarer und auch verstehbarer machen.

 

WP: Wird der Text von Klagenfurt ein Teil des Romans sein?

 

VD: Er kommt jedenfalls aus dem Kosmos des Romans. Aber ich weiß noch nicht ob er ein Teil des Romans sein wird. Vielleicht wird man die Bachmannpreisgeschichte an einem bestimmten Punkt im Roman erahnen können, ohne dass sie tatsächlich geschrieben steht. Ich sehe mich als Autorin auch als Arrangeurin und arbeite mit Verweisen und Auslassungen.

 

WP: Ihr Klagenfurter Text „Memorabilia“ bietet viele Zugänge. Ist der Titel eine thementragende postmoderne Metapher für verlorene Identität und Sehnsuchtsprojektionen von Erinnerung im bruchstückhaften Leben der Gegenwart?

 

VD: Der Begriff Postmoderne im Sinne einer Collage von Leben mag zutreffen. Ich finde die literarische Idee grundsätzlich interessant, der Welt nicht zu viel hinzuzufügen. Ich schreibe in jedem Fall „an der Realität entlang“. Ich setze gerne Dinge, Menschen, Phänomene zueinander in Beziehung und schaue was passiert. Diese Beziehungen, dieses „Dazwischen“ ist dann mein literarischer Bogen.

 

WP: Wie stark prägt Erinnerung – „Memorabilia“ – die Hauptfigur des Textes wie auch unser Leben an sich?

 

VD: Eine Memorabilie ist bzw. Memorabilia heisst ja eine „Denkwürdigkeit“. Erinnerung ist da vielleicht gar nicht so relevant. Nostalgie schon eher, oder auch die Verschränkung von Sehnsüchten und Sicherheiten.

 

WP: In der Filmhandlung von „Casablanca“ ist das Klavier ja auch lebensrettend, weil es den Reisepass verbirgt, den Rick schließlich seinem „Rivalen“ Laszlo überlässt und ihm damit die Flucht ermöglicht. Sind dies auch bewusst gesetzte Bezugspunkte im Text zu Fragen gegenwärtigen Weltgeschehens und persönlicher Moral?

 

VD: Das ist ein Aspekt der mitschwingt. Aber eben nur ein Aspekt von vielen. Die Menschen in der Welt von „Memorabilia“ sind wohl eher solche, die dann vor der Steuer flüchten, als vor Krieg, Armut u. politischer Verfolgung.

 

WP: In Ihrem Text geht es ja auch im Medium der cineastischen Artefakte um Sehnsucht und Projektionen von Glück und Erfüllung. Macht dies wesentlich uns Menschen aus?

VD: Sehnsucht und Glücksvorstellungen werden ständig geweckt, modifiziert, generiert und instrumentalisiert, sowohl im Zwischenmenschlichen als auch in den größeren Zusammenhängen von Politik, Religion und zu Konsumzwecken. In Casablanca bringt ja eigentlich die Liebe zu Ilsa Rick dazu sich politisch zu positionieren und zu handeln. Das Kino bedient die Gefühlsmaschine sehr gekonnt.

WP: Was bedeuten Ihnen persönlich Memorabilia?

VD: Ich sammle kleine Denkwürdigkeiten zu Inspirationszwecken. Wenn ich sie lang genug behalte – weil sie irgendwas an sich haben, dass mich interessiert, steigen sie zwar nicht monitär im Wert, aber sie tauchen dann schon mal in dem einen oder anderen Text von mir auf und werden Teil einer Geschichte.

WP: Gibt es literarische Vorbilder?

VD: Virginia Wolf. George Sand, Sylvia Plath, Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Agatha Christie, Anette von Droste-Hülshoff, Christine Nöstlinger, Patty Smith, Ruth Klüger, Marguerite Duras, Thomas Mann, Maria von Ebner-Eschenbach, Ilse Aichinger, Laurie Anderson.

WP: Wie kamen Sie zum Schreiben?

VD: Ich habe medienübergreifende Kunst studiert. Videos, Performances, Installationen gemacht. Ich habe mir sehr viele Wege vorstellen können, letztlich aber Literatur und Musik zu meinem künstlerischen Zuhause erklärt. Dennoch gehe ich immer wieder gern auf Reisen.

 

WP: Bezugnehmend auf die Eröffnungsrede des diesjährigen Bachmannpreises von Franzobel – Was kann/soll Literatur heute bewirken?

VD: Literatur kann sehr kryptisch sein oder zum Beispiel in der Form des Manifests sehr konkrete Aussagen zur Politik treffen. Es gibt für mich schon einen Unterschied zwischen Kunst und politischem Aktivismus. Man muss aber auch nicht alles, was man als SchriftstellerIn schreibt notwendigerweise Literatur nennen. Ich versuche im Rahmen meiner Möglichkeiten Welt-verändernde Maßnahmen zu setzen. Ich versuche auch den Rahmen meiner Möglichkeit zu erweitern – aber daran arbeite ich nicht nur in der Literatur sondern generell im Leben.

 

WP: Was sind Ihre weiteren Pläne/Projekte?

VD: Das zweite Album meiner Band bis eine heult ist schon überfällig. Im Herbst veranstalte ich die Musenküsse – eine medienübergreifende Lesereihe in Wien. Im Winter geht’s als Betreuerin in die Wärmestube, wenn sie mir da Arbeit geben. Dazwischen Lese- und Konzertbühnen besteigen und natürlich an meinem Roman schreiben.

 

WP: Ich darf das Gespräch mit einer Frage zum Bachmannpreis schließen. Sie tranken als einzige Autorin kein Wasser am Lesetisch. Was stärkte Sie?

VD: Es war Malvensaft.

WP: Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre weiteren Projekte!

 

Verena Dürr alias venerasinn http://www.venerasinn.com/ ist interdisziplinäre Autorin, Experimentalmusikerin, Performancekünstlerin

 

Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.wordpress.com/