„Hinter dem Horizont“ Eine Geschichte der Weltbilder. Ernst Peter Fischer. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Besprechung – siehe bitte unter Rezensionen – oben klicken.

Fotos: Rowohlt Verlag; Motiv See_Walter Pobaschnig.

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„1984“ – Begeisternde Premiere am Volkstheater Wien. 17.11.2017

„1984“ – Begeisternde Premiere am Volkstheater Wien. 17.11.2017

Schalten Sie ihr Handy nicht aus, damit ihr Datenfluss ungehindert bleibt“ – so die Ansage aus dem Off vor Beginn der Vorstellung. Ein augenzwinkernder Beginn, den das Publikum mit Lächeln registriert, der jedoch sofort im Bühnenbild beeindruckend beklemmend sichtbar wird. Uniforme Menschen in uniformen Wohnboxen beobachtet von Videobildschirmen fixieren einander aufmerksam und argwöhnisch. Für sie gilt es nummerierte Lektionen des „großen Bruders“ vorbehaltlos zu inhalieren und zu vollziehen. Selbständiges Denken und Reflektieren ist verboten. Wie überhaupt die Sprache einer ständigen Vereinheitlichung im kontrollierten Reduktionsprozess unterliegt. Nachrichtenmeldungen sind für die Parteimitglieder Wahrheit und Pflicht. Hören und gehorchen in der „Mentalität der totalen Ehrlichkeit“ ebenso. Außerhalb dessen ist nichts erlaubt. Kein Schreiben, kein Sprechen, kein Lieben. Doch Winston und Julia versuchen einen revolutionären Ausbruch intensiver Zuneigung. Sie begeben sich heimlich in das verbotene Land der „Loser“, um unbeobachtet zu sein. Doch die „Horcher“ sind überall und ein dramatischer Wettlauf zwischen Sehnsucht, Freiheit und Verrat beginnt…

Das Volkstheaterensemble zieht in „1984“ alle Register modernen Theaters und wird am Premierenabend mit langanhaltenden Applaus verdient belohnt. In innovativer Regie und grandioser Ensembleleistung wird die beklemmende Parabel eines totalitären Überwachungsstaates zum begeisternden Ereignis der niveauvollen Wiener Bühnenwelt. Knapp 70 Jahre nach Erscheinen des Romans gelingt Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer ein textgetreuer wie aktueller Transfer, der eine dramatisch spannungsgeladene Inszenierung auf anspruchsvollstem Darstellungsniveau bietet wie gesellschaftspolitische Spannungsbogen zeitkritisch öffnet. Das Ensemble fasziniert in rasanter Körper- und Sprachbewegung. Ebenso ist das beeindruckende dialogische Spiel mit der kreativen Bühnen-, Videotechnik höchstes Bühnenniveau der Zeit. Die intensiv ausdrucksstarke wie fordernd facettenreiche Darstellung von Rüdiger Galke ist in einer grandiosen Ensembleleistung besonders hervorzuheben.

1984, Volkstheater Wien. Weitere Spieltermine: 22.11; 29.11; 3.12; 7.12; 8.12; 14.12; 16.12 2017. 3.1.2018

Fotos: http://www.lupispuma.com/Volkstheater“, Walter Pobaschnig.

 

Walter Pobaschnig, Wien 11_2017

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„Johanna. Eine Passion.“ Das TAG Theater Wien beeindruckend wie erschütternd am Puls der Zeit. 14.11.2017

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„Johanna. Eine Passion.“ Das TAG Theater Wien beeindruckend wie erschütternd am Puls der Zeit.

Eine Wand. Davor stehen sie. Drei Männer. Die starre unsichere Gestik wirkt suchend und verloren und ihre Pullover und zugeknöpften Hemden verstärken die spürbare Hilflosigkeit gegenüber der großen weiten Welt. Aus ihren Wohnzimmern gerissen, möchten sie wohl sagen – „Wir sind einsam. Uns ist alles zu viel“. Doch sie bleiben stumm. Sie sprechen nicht aus was sie wirklich bewegt. Wenn sie allein sind. Mit sich selbst. Vor ihrem Auftritt der Macht. Dem großen Auftritt von Macht und Gewalt in (ihrer) Welt.

Als das Licht angeht, ist eine Frau nackt am Boden kauernd zu sehen. Schnell und bestimmt finden die Männer nun ihren Platz und beobachten diese mit Arroganz, die ihre Unsicherheit jäh verschlingt. Jetzt finden sie ihre Sprache wieder und diese ist ein Messer und ein Hammer. Kalt und tödlich. Und so sind auch ihre Fragen an die angeklagte Frau. Sie versucht zu antworten. Doch die Fragen sind nicht Fragen sondern bloß gebrüllte Aussagen, die es unter fordernden Blicken zu bestätigen gilt. Es gibt keine Auswahl der Antworten. Keine Wahl. Das ist kein Gericht sondern ein Tribunal. Sie ist ein Objekt. Umringt von entfesselter entblößter Machtphantasie. Doch angeklagt sind nicht diese, nein, sie ist es, die es zu überführen, zu verbrennen gilt. Wird es gelingen? Gelingen wie damals in Rouen 1430? Johanna. Eine Passion. Eine zeitlose Passion….

Das TAG Theater Wien liefert mit „Johanna. Eine Passion“ das Stück am Puls der Zeit. Der historische Stoff der verhörten und hingerichteten Jeanne d`Arc im Ringen des Hundertjährigen Krieges gleicht in seinen Originalprotokollen einem psychoanalytischen Lehrbeispiel von Macht und Sadismus. Das entfesselte ES mächtigster Männer wird zu den schonungslos drehenden gesellschaftlichen Rädern von Sturz und Vernichtung des Objektes, welches sich der hemmungslosen erotischen Machtphantasie widersetzt. Die Welt des ES ist der Wille des Begehrens und nichts außerdem. Die pure psychische Energie in Libido und Aggression löst das Ich in Begehren und Gewalt auf. Nachzulesen in den Verhörprotokollen des 15.Jahrhunderts wie – wohl auch in der Gegenwart. Die Welt ist (bleibt) der Wille zur Macht…

 

Das großartige TAG Ensemble mit Lisa Schrammel (Johanna), Jens Claßen (Ole), Raphael Nicholas (Sören) und Georg Schubert (Lars) bietet in der beeindruckend facettenreichen wie reflektierten Inszenierung von Christian Himmelbauer bestes anspruchsvolles Gegenwartstheater, das in Regie und Darstellung nachhaltig überzeugt und begeistert. Ein Abend, der erschütternd nah am Zeitgeschehen ist und nachdenklich in Stadt und Land entlässt – Sehen sie sich das an!

Weitere Spieltermine: 15. u 16.11. Europäische Theaternacht 18.11. sowie am 12.,13.,18. u. 19.Dezember jeweils um 20h.

TAG Wien, Gumpendorferstr.67.

 

Walter Pobaschnig 14.11.2017

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